Sprache bestimmt sehr weitgehend wie wir die Welt sehen. Insofern lohnt es sich durchaus, darauf zu achten mit welchen Begriffen wir die Welt beschreiben und benennen. Wir sprechen seit ein paar Monaten oder auch schon Jahren von der „Flüchtlingswelle“ oder „Flüchtlingskrise“. Und auch wenn die Zahlen für Deutschland belegen, dass aktuell kaum mehr jemand den Weg bis hierher schafft, ist das Thema das anscheinend schwierigste.
Bei der Generaldebatte im Bundestag hat Frau Weidel bewiesen, wie weit ihre Sprache schon in die Ecke weit rechtsaußen abgewandert ist. Sie zählt da reihenweise die rechten Wortschöpfungen auf und beendet diese Aufzählung mit „und sonstige Taugenichtse“. Dafür erhält sie eine Rüge – wirbt in der Öffentlichkeit aber natürlich damit, dass sie dieser widerspricht und man doch bitte ihr zustimmen möge, dass sie doch diese Rüge nicht verdient habe.
In ihrem Rechtfertigungsschreiben behauptet sie, dass sich die Taugenichtse nur auf die letzte Wortschöpfung ihrer Aufzählung bezieht. Und dabei habe ich schon in der Grundschule gelernt, dass Aufzählungen gleichwertige Begriffe beinhalten – und diese mit Kommata voneinander getrennt werden. Bis man am Ende dann stattdessen mit „und“ oder „oder“ signalisiert, dass nun die Aufzählung mit dem letzten Begriff endet.
Das „und sonstige Taugenichtse“ bezieht sich also durchaus auf die Gesamtheit der Aufzählung. Frau Weidel möchte ja so schrecklich gerne Opfer sein – und mit dieser schmalen Rechtfertigung und dem Beleg des mangelnden Sprachgefühls wird die Rüge sicher nicht zurück genommen. Sie darf also weiter heulen und weit rechts außen wird ihr der Applaus sicher sein.
So funktioniert billigster Populismus. Und so verschiebt man, Schritt für Schritt, die Grenzen der Wahrnehmung und letztlich auch die Grenzen des Machbaren. Wenn ein Trump in den USA Einwanderer „Animals“ nennt, die man an der Grenze abfangen muss – dann wundert es auch nicht, dass mitten in Manhattan einer ausrastet, weil Menschen Spanisch sprechen.
Hierzulande kenne ich genug Menschen verschiedenster Herkunft – und ich frage gerne und häufig woher der Einzelne stammt. Es ist ja interessant, ob jemand von der Schwäbischen Alb kommt und genau weiß, wie arg es da um die Netzanbindung bestellt ist – oder jemand aus einem kleinen Dorf hinterm Deich kommt und der Opa noch mit dem Kutter zum Fischen gefahren ist – oder ob er in Berlin als Kleinkind im Hinterhof beim Spielen, ganz Zille-mäßig, einen Eimer Wasser über den Kopf geleert bekam. Und man stelle sich vor: alle diese drei für mich sehr deutschen Bekannten haben das, was man inzwischen „Migrationshintergrund“ nennt. Jeweils mindestens ein Elternteil stammt aus einem, manchmal durchaus exotischen, Land.
Und jeder von den dreien kann von täglichem Rassismus erzählen – und das nicht nur beim Bäcker in der Schlange, wenn Lindner hinter ihnen ansteht. Das reicht vom dreimal am Tag gefragt werden „Woher kommst du eigentlich wirklich?“, weil die Antwort „Berlin“ anscheinend nicht glaubwürdig ist, wenn man etwas dunklere Haut hat. Bis hin zu handfesten Beleidigungen wie „Schlitzauge“ oder „Reisfresser“, weil man zufällig mehr dem Vater ähnelt, der aus Japan stammt. Bis hin zur Ansage, dass man doch wieder nach Hause gehen solle – die der eine, der vom Deich kommt, gerne im breitest möglichen Plattdeutsch beantwortet.
Da muss man als Betroffener erst einmal die Nerven behalten – und man muss lernen, dass nicht hinter jeder blöden Bemerkung oder jeder klischeehaften Äußerung immer der reine Rassismus steckt. Aber man darf sehr wohl anmerken, dass die echten Beschimpfungen, die scheelen Blicke und das „Anderssein“ zunehmen.
Und jeder von uns, der nicht direkt selbst Empfänger dieser Blicke und Beschimpfungen ist, tut gut daran, auf die zu hören, die täglich damit konfrontiert werden. Die sind nämlich die Fachleute und Gradmesser für das Ausmaß des täglichen Rassismus.