Komplize?

Ein Lieferwagen fährt auf dem Boulevard Las Ramblas in Barcelona Menschen tot – ein Auto fällt bei einer Kontrolle in Cambril auf und bei der Flucht werden Menschen verletzt und getötet. Der IS begehrt Schuld daran zu sein. Und vielen Menschen in sozialen Medien tun ihnen den Gefallen, sich wieder einmal direkt zu Komplizen zu machen.

Nicht, weil sie den Tätern Hilfe leisten oder direkt beim Anschlag mitmachen – nein. natürlich nicht. Aber dadurch, dass sie Bilder verbreiten – selber in Hassreden gegen Muslime verfallen. Genau das ist das Ziel der Verbrecher, Mörder und Fanatiker. Seid doch nicht so doof, ihnen dabei noch zu helfen.

Ja, es ist ein fieses Verbrechen. Und die Opfer und ihre Angehörigen brauchen unsere tatkräftige Hilfe – jetzt und auf Dauer. Und sie haben unser Mitgefühl verdient. Und, ja, natürlich sollten sich Sicherheitskräfte mit der Frage beschäftigen, wie man bestmöglich eine offene Gesellschaft schützt.

Die Mörder sind Hasspredigern und Fanatikern gefolgt – das fällt uns allen sehr leicht, das zu diagnostizieren. Wieso erscheint es dann so leicht zu sein, direkt mit Hass und Fanatismus zu antworten?

Wir sind uns ja alle einig: Islamistische Fanatiker, die Menschen töten wollen, finden wir alle doof. Generell sind Menschen, die aus irgendeinem Grunde das Töten anderer Menschen aus niederen Motiven geil finden, Verbrecher. Wir machen Ausnahmen für Soldaten, die wir in Kriege schicken, die wir für gerechtfertigt halten – aber was ist mit Soldaten, in ungerechtfertigten Kriegen? Schon schwieriger.

Und was ist mit der gesamten Weltlage? Wir finden es sehr leicht, viel Geld in Richtung Banken zu werfen – aber wir haben viel weniger Lust dazu, Geld in die Richtung von hungernden Kindern zu werfen. Wir wissen, dass im Osten Afrikas 20 Millionen Menschen von Dürre und Hungertod bedroht sind – und ärgern uns en masse über die, die am Mittelmeer versuchen, dieser Hölle zu entkommen. Wir wissen, dass im Yemen die Cholera umgeht und Kinder sterben. Und sind klammheimlich froh, dass die Flüchtlinge von da nicht nach Europa durchkommen können.

Nichts davon rechtfertigt islamistischen Terror oder Anschläge – aber alles daran liefert dem IS die Munition, um immer wieder den bösen Westen an den Pranger zu stellen und die Feindschaft zwischen westlicher Welt und muslimischer Welt neu zu erzählen.

Nichts rechtfertigt nämlich, dass wir als Europäer durch Lebensstil und Konsum, mehr Rohstoffe und natürliche Ressourcen beanspruchen als ein Kind im Süd-Sudan oder Bangladesh. Tun wir aber – und mit uns noch mehr die Amerikaner oder auch China.

Wir verstecken uns gerne hinter dem Glauben, dass die Systematik, die das Ganze antreibt, irgendwie nicht zu ändern ist. Wirklich? Wir haben die Systematik über lange Jahre und Jahrzehnte errichtet – die Systematik ist rein menschengemacht und erst jetzt, am Beginn des digitalen Zeitalters, haben wir Algorithmen am Start, die im Trading zum Beispiel mitmischen. Aber wir können festlegen, ob wir diese Algorithmen und die Folgen, die sie mit sich bringen, einsetzen und nutzen wollen.

Die Systematik killt jeden Tag Menschen – darunter Kinder, die mit Sicherheit an keiner Entwicklung eine Mitschuld tragen, die sie gerade umbringt. Schlafen wir deswegen schlechter? Nicht wirklich. Haben wir dieses Kind umgebracht? Nun, vielleicht nicht direkt, weil wir es nicht erwürgt haben. Und wir haben niemandem den expliziten Auftrag zu einem Mord gegeben. Aber es ist uns einfach scheißegal.

Wir schlafen erst schlecht, seit wir uns durch Terrorismus bedroht sehen – und wir fokussieren natürlich die Schuldigen: Mörder, fanatisierte Verbrecher. Wir finden es aber sehr viel bequemer, die Systematik nicht weiter zu hinterfragen – oder gar Dinge zu ändern, die uns etwas kosten würden.

 

 

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