Schlechte Umgangsformen

Präsentation4

Im Internet sehen wir es immer häufiger und immer heftiger: Ungebremste Äußerungen auf dem niedrigsten Niveau, die nichts mehr mit Meinungsäußerung zu tun haben, sondern den Angegriffenen nur noch Vorwürfe machen und ihnen am besten Pest und Cholera gleichzeitig an den Hals wünschen.

Beim aktuellsten Beispiel ist Margot Käßmann das Ziel der Anwürfe – und nur allzu gerne wird dabei die Fahrt mit Alkohol am Steuer aufs Korn genommen, wegen der sie damals von allen kirchlichen Ämtern zurücktrat. Die AfD regt sich über eine Äußerung auf, die auf die Aufregung rund um die Äußerung eines ihrer Mitglieder zurückzuführen ist – für die der Mann intern auch abgemahnt wurde. Herr Weber, Jura-Professor und Abgeordneter in Greifswald, hat uns empfohlen, dass „Bio-Deutsche“ mehr für die deutsche Kultur tun sollen – mit „Bio-Deutschen“ meinte er ausdrücklich nur die, die deutsche Eltern und Großeltern haben – und von letzteren bitte auch vier. Das ähnelt ganz fatal der Definition der Nazis für den kleinen Arier-Nachweis.

Die AfD hat zwar noch nie offiziell die Kirchen um Austausch gebeten – heult aber aktuell ganz laut, dass man nicht mit ihr spreche. Auf dem Evangelischen Kirchentag gab es nun diesen Austausch – und eben eine Frau Käßmann, die Herrn Webers seltsame Auslassungen zitiert und daraus schließt, dass man diese in die rechtsextreme Ecke rücken muss.

Schnipp-Schnapp – macht man daraus den Vorwurf als hätte Frau Käßmann nun alle mit solch „korrekten“ Vorfahren als Neonazis bezeichnet – wenn man ihre gesamten Äußerungen hört, fällt auf: Hat sie nicht. Sie hat nur die Leute, die diese Idee mit dem „Bio-Deutschen“ toll finden und die Webers ursprünglicher Äußerung (die er selber inzwischen etwas in der Wortwahl entschärft hat) applaudieren. Und sie hat ganz klar eine Grenze benannt, die die Leute an der rechten Außenseite nur allzu gerne weiter nach rechts schubsen.

Der Umgang mit Worten und wie man sich selbige um die Ohren haut – das ist ein wertvoller Kern der politischen Debatte und damit ein Herzstück der Demokratie. Es kann doch nicht sein, dass die Hass-Hysteriker nur durch Eifer, Vernetzung ihrer Accounts und Bots und sonstiger technischer Sperenzchen die Grenzen immer weiter verschieben. Und es kann nicht sein, dass Debatten in schöner Regelmäßigkeit nur noch in Geschrei und Gezeter enden – und jeder meint, dass lauter schreien irgendwie hilft.

Und jeder nimmt dabei für sich in Anspruch, dass er – natürlich – nur seine Meinung kund tut. Zwischen Meinungsäußerung, inclusive harscher Kritik, und Hasskommentaren besteht aber ein großer Unterschied. Sachlich geäußerte Meinung – auch wenn sie Lichtjahre von der eigenen entfernt ist – verdient eine sachliche Erwiderung. Blanke Polemik, die Tatsachen verdreht und sich vornehmlich aus persönlichen Anwürfen speist –  verdient noch nicht einmal das.

Ich zitiere nur mal aus meinem persönlichen Erfahrungsschatz: „Hure“ – „Du Fotze gehörst gesteinigt“ – „ich weiß Arbeit – ich zünd das an“ – „Sie sollten einen Karrierewechsel in Betracht ziehen: zum Arschficken sollten Sie noch gut genug sein.“ – was all diese „charmanten“ Äußerungen mit dem eigentlichen Thema zu tun haben sollten, erschließt sich mir nicht so ganz. Es ging da um die Debatte in München – Geschäfte in der Innenstadt hatten die Pegida-Veranstaltungen als geschäftsschädigend deklariert. Und ich – obwohl ich die Ziele der Pegida mitnichten unterstütze – hatte für deren Meinungsfreiheit plädiert und dass man die Veranstaltungen ertragen müsse. Dabei hatte ich deutlich gemacht, dass ich persönlich die Ziele von Pegida ablehne – und diese Ablehnung hat mir diese „charmanten“ Äußerungen eingebracht.

Und da soll ich jetzt auch nur ansatzweise zur Diskussion bereit sein und irgendwen aus dieser Riege der Geifernden ernst nehmen? Nicht wirklich…

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