In Berlin fährt ein LKW ungebremst in den Weihnachtsmarkt am Breitscheidplatz. 12 Tote und an die 50 Verletzte. Kaum war die Nachricht unterwegs, hob natürlich auch das Gezwitscher an. Und ganz viele schienen direkt nach der Tat genau zu wissen, dass es sich um islamistischen Terror handeln müsse. Und die BILD-Zeitung schreibt am 21.12. ganz groß auf die Titelseite: ANGST.
Der sogenannte IS hat sich zu dem Anschlag bekannt – das heißt aber noch lange nicht, dass das wirklich der Wahrheit entspricht. Und ich persönlich würde den sogenannten IS jetzt nicht eben für eine verläßliche Informationsquelle gelten lassen wollen. Es handelt sich also im Moment um eine reine Behauptung.
Diese Behauptung zielt natürlich darauf ab, uns alle nervös zu machen – uns zu suggerieren, dass wir uns nirgends mehr sicher fühlen sollen. Aber muss man deswegen gleich in Hysterie verfallen und wieder einmal allen Muslimen, Flüchtlingen, Frau Merkel, den Medien und obendrein noch den „Gutmenschen“ Schuld an diesem Verbrechen geben? Und mit leicht hämischem Unterton indirekt sagen: „Ätsch – da habt Ihr den Beweis“?
Ja, nicht jeder Geflüchtete ist ein Ausbund an Tugend oder ein verkappter Nobelpreisträger. Aber genauso wenig ist jeder Geflüchtete ein potenzieller Terrorist. Und das Gleiche gilt für Muslime in diesem Land. Es ist ja schön und gut, wenn sich muslimische Organisationen in der Öffentlichkeit äußern – aber es muss sich keiner als Stellvertreter für einen Idioten verantworten, der aus irgendeinem Grund das Töten von Menschen auf Weihnachtsmärkten erstrebenswert findet.
Wie immer gilt: Angst ist ein ganz schlechter Ratgeber. Ich höre lieber auf die Vernunft.
Dieser sogenannte IS möchte doch nichts lieber als westliche Nationen, auf die er mit spitzem Finger zeigen kann und sagen kann: „Seht her, Muslime dieser Welt, wie sehr dieser doofe Westen Euch haßt.“ Jeder Funken Menschlichkeit, der das Gegenteil belegt, ist also nichts anderes als ein sehr direktes Statement, dass dieser Argumentation den Boden entzieht. Zwar sitzt die Mehrheit der syrischen Flüchtlinge außerhalb Europas fest – aber die deutsche Flüchtlingspolitik des letzten Jahres hat ein Statement aufgestellt: Menschlichkeit schlägt Religion.
Wenn man es so betrachtet, dann liefern die islamophoben Populisten dem sogenannten IS die Geschäftsgrundlage. Und eine Zeitung, die ANGST auf den Titel klebt, suggeriert, dass wir uns in einer Art Kriegszustand befinden. Es erscheint mir schlicht fahrlässig, wie diese verbalen Spaltpilze den Zusammenhalt in diesem Land angreifen und auflösen. Und es gibt mir ernsthaft zu denken, wenn sich muslimische Freunde aktuell nicht so recht auf die Straße trauen oder sich auf eine neue Welle von Vorwürfen gefaßt machen müssen.
Entschlossen weiterleben – das ist die einzige Antwort, die mir einfällt. Und dazu gehört auch, dass ich mich über Weihnachten in München mit meinen ehemaligen Sprachpartnern aus Syrien treffe. Eat this, ISIS.